Vom schwäbischen Dorf in einem Naturpark in ein Dorf nahe des Hambacher Forstes… meine ersten Fahrten in die neue Heimat brachten einige ernüchternde Gefühle mit sich. “Aber hey, immerhin ist es hier wieder flach. Radfahren könnte wieder Spaß machen…”

Die ersten Spaziergänge nach dem Umzug versöhnten mich zumindest ein wenig mit der neuen “Natur”. Auch hier kann es schön sein, tolle Stimmungen geben:

Und überraschender Weise gibt’s sogar Schnee, obgleich Nachbarn raunten: “Hier hat es zuletzt 2015 geschneit.”
Und dann auch noch das:

Schafe. Und die Wolle sah vielversprechend aus. Schön lang, schön weiß und gelockt… zaghafte Berührungsversuche bestätigten meine Hoffnungen: Das wäre tolle Wolle zum Kämmen… Irgendwann hing mal ein Fetzen Vlies in einem Zaun. Natürlich habe ich das mitgenommen und fortan ständig befummelt. 🙂
Einige Wochen später entdeckte ich dann auch einmal den Schäfer dazu, näherte mich unauffällig und begann ein Gespräch.
Etwas erstaunt ob meines Interesses, aber die ganze Zeit freundlich und offen, gab er mir Auskunft: Die Schafe gehören ihm, es sind Texelschafe, rund 80 Tiere gehören fest zu seiner Herde. Er ist der Metzger aus dem Nachbarort…

Einige Wanderungen und gelegentliche Begegnungen später hatte er meine Telefonnummer und die Gewissheit: Ich würde ihm auf jeden Fall Wolle abnehmen.

Und zack, war der Fühling da.

Und mit dem Frühling die Lämmer:

Mein neues Dorf hat eine ziemlich lebendige Dorfgemeinschaft: Vor zehn Jahren wurde ein Rundwanderweg um das Dorf angelegt, rund 4 km. Der Weg, den ich regelmäßig mit Elaine in der Mittagspause ging und auf dem ich auf ständig wechselnden Plätzen die Schafe traf. Das Jubiläum dieses Weges sollte nun mit einem Fest begangen werden. Mit Ständen auf der kompletten Strecke verteilt, an denen Leben, Handwerk und Kunst des Ortes präsentiert werden sollten. Diverse Verquickungen sorgten dafür, dass auch ich beschloss, mein Handwerk dort zu präsentieren. Und zu meiner großen Freude kam am Wochenende vor diesem Ereignis der Anruf des Metzgers: “Ich schäre morgen, wenn Se woll’n, könn’ Se zuschaun.”

Zu meiner Überraschung schor er wirklich höchst selbst seine Schafe. Nicht alle an einem Tag, sondern so nach und nach, immer wenn das Wetter taugt, bis alle ihr Wollkleid los sind und mit Sommerfrisur in den Sonnenschein stapfen. “Wer mit den Tieren Geld verdienen will, soll sich auch vernünftig um sie kümmern. Dazu gehört die Schur ebenso wie die Klauenpflege”, lautet sein Credo. Die Schur des letzten Schafes erlebte ich nun also mit und geriet immer mehr in Freudentaumel: Was für ein Vlies! So lange Fasern, keinerlei Filz und da die Schafe fast ausschließlich auf den Wiesen stehen auch kein Futtereinstreu, kein Stroh… ein Traum!

Exakt dieses Vlies wanderte dann auch zu mir. Ein bisschen mehr Wolle sortierte ich mir noch aus den an diesem Tag zuvor geschorenen Vliesen heraus, die allerdings nicht ganz so traumhaft waren wie dieses Vlies. “Mein Schaf” hatte nur ein Lamm geboren, die beiden anderen Zwillinge. Man sah es auch am “Volumen” der Schafe. Ca. 70 kg vs etwa 50 kg. Ein immenser Unterschied. “Wenn sie vier Liter statt zwei Liter Milch am Tag an die Lämmer abgeben müssen: Das laugt schon sehr aus.” Diesen Unterschied sieht man dann natürlich auch in der Wolle.

Nun hieß es: Wolle waschen, schließlich würde des der Clou des folgenden Wochenendes, wenn ich hier im Dorf die Wolle der Schafe, die ums Dorf stehen, quasi ab Schaf zum Pullover verarbeite… oder zumindest zeige, wie das geht.

Also zerteilte ich die Vliese in Portionen, die in meine Waschnetze passten und startete meine neue Waschstraße in unserem Hof. So ein betonierter Innenhof ist schon was feines… und Heißwasserzugang direkt nebendran… und Regenwasserabfluss ebenso… an diesem Wochenende versöhnte ich mich vollends mit dem Umzug…

Zur Wäsche:
In die erste Schüssel kommt Wasser, ca. 60° heiß, und ein paar Tropfen Unicorn PowerScour. Ich sollte mal ausmessen, wie viele Liter dort rein passen, aber ich denke, 40 dürften es sein. Das Waschmittel verwende ich also recht sparsam, denn etwas Wollfett darf gern in der Wolle bleiben. Darin weiche ich die Wolle für 15 bis 20 Minuten ein. Währenddessen bereitete ich die weiteren Vlies-Portionen und ein zweite Waschschüssel vor. Ebenso heißes Wasser, ein weiteres Mal mit PowerScour. Darein dann die vorgewaschene Wolle, wieder für 15 bis 20 Minuten. Das Wasser der ersten Wäsche verwende ich, je nach Verschmutzungsgrad, als ersten Waschgang wieder. Da ich hier dafür gesorgt hatte, dass keine Po-Wolle mit entsprechenden Hinterlassenschaften dabei war und die Wolle ohnehin recht sauber war, habe ich das Waschwasser immer zwei Mal verwendet.
Nach den zwei Waschgängen mit Waschmittel kam noch ein Spülgang ohne Waschmittel, ab in die Schleuder und dann auf den Trockner in die Sonne. Ich hatte Schätzungsweise 4-5 kg Rohwolle. Natürlich hatte ich es so eilig, dass ich nicht vorher gewogen habe… ärgerlich. Aber ich schaffte es, den kompletten Sack noch am Samstag durchzuwaschen. Und da das Wetter traumhaft war (und ich diese tolle kleine Schleuder noch im Ländle über Ebay ergattern konnte), war die Wolle am nächsten Vormittag schon trocken. Also konnte ich loslegen, einen ersten Teil der Wolle kämmen, verspinnen und kleine Strang- und Strickproben für das Wege-Jubiläum vorbereiten:

Zum Kämmen der Wolle:
Ich habe mir einzelne Locken abgezupft, diese dann erst mit der Schnittkante, dann mit den Spitzen über die Hand- / Flickkarde gezogen, um Nachschnitt zu entfernen und verbliebene Schmutzreste aus den Spitzen zu entfernen. Alles, was in der Karde blieb, landete im Müll. Dann habe ich die Locken, die lang genug zum Kämmen waren, auf die Kämme gesteckt, mit der Schnittkante auf den Nägeln. Alle kürzeren Locken landeten in einem extra-Karton, die werden später mit der Trommelkarde kardiert. Ich versuchte, immer eine ungerade Zahl an Kämmdurchgängen zu machen, damit die Schnittkante dann diejenige wäre, von der aus ich den Kammzug ziehe. So ziehe ich die Wolle mit der Schupprichtung, was kraftsparender ist (in gewissem Maße, je nach Schafrasse unterschiedlich spürbar) und nochmals glatteres Garn zur Folge hat. Meine Woll-Wolken wickle ich dann so, dass ich beim Spinnen wieder von Schnittkante zu Haarspitze arbeite. Am Islandschaf-Deckhaar habe ich eindrücklich gesehen, wie krass der Effekt ist. Einen Beitrag werde ich dazu noch verfassen.
Alles, was in den Kämmen zurück blieb, habe ich in den Karton fürs Kardieren getan. Entgegen meines vor einem Jahr gefassten Entschlusses will ich dem Streichgarn doch noch Mal eine Chance geben. Und die Wolle ist schlicht zu schön, um hier so verschwenderisch vorzugehen.

Am nächsten Sonntag dann mein “Standaufbau”:

So konnte ich ungewaschene und gewaschene Wolle zeigen, wie das Kämmen und Kammzug-Ziehen aussieht, der Spinnprozess mit Spindel und Rocken, bzw. Spinnrad und dann auch bereits fertiges Garn und fertig gestrickte Maschenproben. Ein Aufbau, der der heutzutage recht kurzen Aufmerksamkeitsspanne entgegen kam. 😉

Und dann kam die Bürgermeisterin vorbei, mit Presse… und schwupps, bin ich im lokalen Blättle gelandet.

Das war definitiv ein lustiges Wochenende und ich hab jetzt jede Menge lokale Texelschaf-Wolle, die auf die Wollkämme wartet…